GLEIS 11

Ich bin auf einer Reise. Eine Reise der etwas anderen Art. Ich durchquere nicht nur Raum, sondern dieses Mal auch die Grenzen der Zeit. In die Vergangenheit. In eine Zeit jenseits meiner eigenen Existenz. Auf der Suche nach Antworten. Wer bin ich? Warum bin ich hier?

 

Ich lebe in der dritten Generation in Deutschland. Mein Opa kam als Gastarbeiter hierher. Ich konnte ihn nie kennenlernen. Mich nie – wie man es von einem Film kennen würde - auf seinen Schoß setzen und ihm in kindlicher Naivität Fragen über die Natur, die Welt oder das Universum stellen. Nie erstaunt sein, über sein Allwissen, während er mit einem Lächeln in den Augen mir die Welt erklärt und ich mich mit einem Mund voll Schokolade verwöhnen lasse. Ich konnte ihm nie die Fragen stellen, die ich stellen würde.

 

Mein Opa ist nicht mehr da, aber ich bin in Deutschland und lebe heute wie Millionen andere unbekümmert hier, als sei es das selbstverständlichste überhaupt.

 

Es sollte sich auf dieser Reise zeigen: Die Geschichten, die wir heute über die „Generation Eins“ wissen, sind nostalgische Erinnerungen und verträumte Bilder, die nur die Spitze des Eisberges sein können. Nur ein Farbfleck eines Regenbogens. Nur ein kurzer Klang einer gewaltigen Komposition. Doch ich will abtauchen. Die wahre Wucht, das Gewicht dieser Zeit berühren. Von ihr berührt werden.

Unsere Großväter und Großmütter. Als sie das erste Mal nach Deutschland kamen. Was haben sie sich vorgestellt? Was haben sie vorgefunden? Wie passte diese neue Welt in ihr Weltbild? Jeder einzelne. In Hoffnung, mit Träumen, Wünschen, Angst, Neugier und ein Stück weit Einsamkeit in der Fremde. Jeder einzeln.

 

Ich höre ihre Geschichten. Meine Ohren gespitzt, meine Augen scharf. Meine Seele geöffnet. Vor meinen Augen male ich die Konturen ihrer farbenreichen Geschichten. Sie erscheinen mir schwarz-weiß, als schaute ich einen alten Film. Ich will ihnen wieder Farbe verleihen.

Ich lass mich in sie hineinziehen. Wie ein unsichtbarer Beobachter. Ein Zeitreisender eben.

 

Vielleicht ist es die Konstante Sehnsucht. Die Sehnsucht nach Familie, nach Freunden, nach Heimat. Eine Vorstellungskraft, die stärker ist, als die Realität es jemals zu sein vermag.

 

Es ist vielleicht auch ein Gefühl der Vergänglichkeit. Wir neigen dazu, unsere Vergänglichkeit wie eine Konstante durch unser Leben zu führen.

Gefangen irgendwo im Jetzt. Zwischen Vergangenheit und Vergänglichkeit. In einer Welt voller Fantasien, Vorstellungen, Träume, Ideen. Im Bewusstsein, dass sie von der Realität eingeholt werden.

 

Ich möchte noch mehr erfahren über die Zufälle. Über all diese Momente. Vielleicht ein einzelner Moment. Ein paar Sekunden, die dazu geführt haben, dass ich heute hier bin. Dass ich heute ich bin. Ich bin angekommen, an dem Ort, wo die Reise von Millionen Momenten begann – am Gleis 11.

 

 

 

 

 

DE 2018 | 90' | Ein Film von Fehmi und Çağdaş Yüksel

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